Was ist Alpha-1-Antitrypsinmangel (AATM)?

Der Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (AATM) ist eine genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung. Alpha-1-Antitrypsin (AAT) ist ein Proteasehemmer, der vom Körper produziert wird und das Gewebe – insbesondere die Lunge – vor einem vorzeitigen Abbau durch Enzyme schützt. AAT wird in der Leber produziert und anschließend in die Blutbahn abgegeben. Beim AATM ist die Ausschleusung aus der Leber gestört. Daraus resultieren die beiden Ausprägungen der Erkrankung: durch Mangel an AAT im Blut entwickeln die Patienten häufiger eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und ein Lungenemphysem, durch den AAT-Aufstau in der Leber kommt es zu einer Vernarbung des Gewebes (Fibrose) bis hin zur Leberzirrhose.

Warum erkranken manche Menschen an AATM?

Der AATM ist eine erblich bedingte Erkrankung. Die schwere Form wird autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass zwei krankhafte Genkopien vorliegen müssen – jeweils eine von der Mutter und eine vom Vater. Die gesunde Variante des Alpha-1-Antitrypsin-Gens wird „PiM“ genannt. Beim AATM treten krankhafte Veränderungen auf, von denen die „PiZ-Variante“ am bekanntesten ist, gefolgt von der „PiS-Variante“. Die klassische schwere Form entsteht, wenn zwei PiZ-Varianten im Alpha-1-Antitrypsin-Gen vorliegen: Diese Patienten werden als „Pi*ZZ“ bezeichnet und haben ein deutlich erhöhtes Risiko, eine Lungen- oder Lebererkrankung zu entwickeln.

Anders ist es bei Patienten mit einer gesunden und einer krankhaften Genkopie. Diese haben nur ein leicht erhöhtes Risiko für eine Lungen- oder Lebererkrankung. Liegt beispielsweise eine gesunde Genkopie „PiM“ und eine kranke Genkopie „PiZ“ vor, spricht man von der milderen Form „Pi*MZ“.

Wie häufig ist Alpha-1-Antitrypsin-Mangel?

Etwa einer von 3.000 Menschen hat einen schweren Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (PiZZ). Etwa jeder 30. Mensch trägt eine mutierte Genkopie und hat damit die mildere Form (PiMZ).

In welchem Alter tritt die AATM-bedingte Lebererkrankung auf?

Die AATM-bedingte Lebererkrankung ist eine chronische Erkrankung, die sich meist über viele Jahre schleichend entwickelt. In manchen Fällen kann es jedoch auch zu einer raschen Verschlechterung kommen. Bei Kindern sind zwei Häufigkeitsgipfel mit klinisch auffälliger Erkrankung bekannt: einer in der frühen Kindheit und ein weiterer in der Adoleszenz. Kinder zeigen häufig eine Gelbsucht (Ikterus). Bei Erwachsenen fallen zunächst oft erhöhte Leberwerte auf, später können Symptome einer beginnenden Leberzirrhose wie Müdigkeit, Gelbsucht und gegebenenfalls Bauchwasser (Aszites) auftreten.

Was sind mögliche Symptome?

Am häufigsten betrifft die Erkrankung die Lunge. Betroffene klagen über Luftnot und verminderte Leistungsfähigkeit. Klinisch auffällig werden sie häufig im Alter von 30 bis 50 Jahren, oft mit chronischem Husten. Unabhängig davon kann bei einigen Patienten eine Leberbeteiligung bestehen. Hinweise hierauf sind Müdigkeit oder Gelbsucht. Häufig werden erhöhte Leberwerte im Rahmen einer Routineuntersuchung beim Hausarzt entdeckt.

Was sind mögliche Komplikationen?

Bei bekanntem AATM ist es wichtig, eine Leberbeteiligung frühzeitig zu erkennen und weitere Risikofaktoren zu vermeiden oder zu behandeln. Patienten sollten auf das Rauchen verzichten, um ihre Lunge zu schützen. Zum Schutz der Leber wird der Verzicht auf leberschädigende Substanzen wie Alkohol und bestimmte Medikamente empfohlen. Idealerweise sollten die Patienten normgewichtig und physisch aktiv bleiben.

In schweren Fällen kann es notwendig sein, die Lungensymptomatik mit Sauerstoff zu behandeln. Zusätzlich kommen inhalative Medikamente zum Einsatz, die die Atemwege erweitern. Langfristig kann in fortgeschrittenen Stadien eine Transplantation der Leber und/oder Lunge notwendig werden.

Wie diagnostiziert man AATM?

Der Alpha-1-Antitrypsin-Spiegel kann im Serum gemessen werden. Bei schwerem AATM ist er deutlich erniedrigt, bei der milden Form leicht erniedrigt oder im unteren Normbereich. Die endgültige Diagnose wird durch eine genetische Analyse gestellt, die beispielsweise über einen Wangenabstrich erfolgen kann. Das Ausmaß der Leberfibrose kann verlässlich mit nicht-invasiven Methoden ermittelt werden, diese sind aber häufig nur in spezialisierten Zentren verfügbar.

Wie behandelt man AATM?

Bisher ist die einzige heilende Therapie eine Lebertransplantation. Bevor diese notwendig wird, kann bei einer Lungenbeteiligung eine intravenöse Substitutionstherapie mit Alpha-1-Antitrypsin verabreicht werden, um einer Verschlechterung der Lungensymptomatik entgegenzuwirken. Dadurch kann der Krankheitsverlauf verlangsamt werden. Für die Leberschädigung gibt es derzeit keine zugelassene medikamentöse Therapie.

An Medikamenten zur Behandlung des AATM wird intensiv geforscht. Aktuell befinden sich erste Substanzen, die gezielt die Lebererkrankung adressieren, in klinischen Studien. Besonders erfolgversprechend sind sogenannte siRNA-Therapien, die die Bildung des fehlgefalteten Proteins in der Leber hemmen und dadurch das Organ entlasten. Erste Studienergebnisse sind aussichtsvoll, weitere Untersuchungen laufen. Darüber laufen aktuell mehrere genetische Studien, bei denen die Mutation im AAT korrigiert wird.

Weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen finden Sie beim Alpha1-Leberzentrum in Aachen sowie beim Verein Alpha 1 Deutschland e.V.

 

Aachen | 08/2025 | Univ.-Prof. Dr. med. Pavel Strnad, Dr. med. Malin Fromme, cand. med. Christina Schrader | Uniklinik Aachen

Folge uns Icon facebook Icon twitter