13. April

Infoseite: COVID-19, Lebererkrankungen und Impfungen

13. April 2022. In dieser Rubrik finden Sie Informationen zu COVID-19, Lebererkrankungen und Impfung. Wir aktualisieren diese Rubrik bei neuen Erkenntnissen.

COVID-19 gefährdet auch Leberkranke. Das Risiko steigt bei fortgeschrittenen Leberkrankheiten und Begleitfaktoren wie höherem Alter, Diabetes, Rauchen etc. Es gibt Hinweise, dass COVID-19 bei bisher Gesunden erstmals direkt oder indirekt zu Leberschäden führen kann.

Die aktuellen Impfempfehlungen des Robert-Koch-Instituts gegen SARS-CoV-2 gelten uneingeschränkt für alle Leberkranken. Es gibt keine Leberdiagnose und kein Krankheitsstadium, welches eine Impfung „verbieten“ würde. Im Gegenteil ist die Impfung umso wichtiger, je kränker die Leber bereits ist. Beinahe zwei Drittel der Weltbevölkerung sind inzwischen mindestens einmal geimpft, in Deutschland sogar drei Viertel der Bevölkerung. Es gibt mittlerweile umfassende globale und nationale Sicherheitsdaten. Der klar bewiesene Nutzen der Impfstoffe überwiegt dabei sehr seltene Risiken eindeutig. Im April 2022 gab die europäische Arzneimittelagentur EMA auch vorerst Entwarnung bezüglich autoimmuner Hepatitis (AIH): AIH-Neudiagnosen werden nach COVID-Impfungen nicht häufiger gesehen als bisher und ein Kausalzusammenhang konnte nicht festgestellt werden.

Wenn Menschen aus Hochrisikogruppen nicht ausreichend auf die Impfung ansprechen, können monoklonale Antikörpertherapien im Einzelfall einen zusätzlichen Immunschutz vor einer Infektion bieten. Neuinfizierte Menschen aus Hochrisikogruppen sollten umgehend ärztlichen Rat einholen, ob ihre Erkrankung zunächst beobachtet werden kann oder ob eine zügige antivirale oder Antikörpertherapie angezeigt ist.

 

Welche Risiken bestehen durch COVID-19 bei Leberkranken?

Schwere und tödliche COVID-19-Verläufe werden insbesondere bei fortgeschrittenen Erkrankungen gesehen (Zirrhose und Leberkrebs). Betroffene mit Fettleber haben ebenfalls häufiger schwere Verläufe, wobei hier oft noch weitere Risikofaktoren, wie z.B. Diabetes und Übergewicht, vorliegen. Alkoholbedingte Leberkrankheiten sind ein weiterer Risikofaktor. Betroffene mit dem erblich bedingten Alpha-1-Antitrypsinmangel sind oft gleichzeitig leber- und lungenkrank und daher besonders gefährdet. Die Grunddiagnose (z.B. Hepatitis C, PBC, autoimmune Hepatitis) scheint dagegen das Krankheitsrisiko nicht zu erhöhen, solange die Leber noch relativ unbeschädigt ist.

Es gibt vermehrt Hinweise, dass insbesondere schwere COVID-19-Verläufe auch bei „Lebergesunden“ erstmals zu Leberschäden führen können. Eine Schädigung kann auf mehrere Arten verlaufen. Erstens können schwere Entzündungsreaktionen im Körper auch die Leber mit beeinflussen. Verschiedene Medikamente, die im Notfall eingesetzt werden, können mitunter lebertoxisch wirken. Eine Untersuchung aus Hamburg im März 2022 lässt zudem vermuten, dass das Virus Leberzellen nicht nur direkt infiziert, sondern ggf. auch schädigen kann. In einer italienischen Studie im Januar 2022 wurde beobachtet, dass Menschen mit Long COVID häufiger eine Fettleber entwickelten. Weitere Studien und Langzeitbeobachtungen sind nötig, um diese Phänomene weiter zu beobachten.

Warum die Deutsche Leberhilfe e.V. die Impfung empfiehlt

Die Deutsche Leberhilfe e.V. empfiehlt die verfügbaren Impfstoffe gegen SARS-CoV2 für alle Leberkranken. Die Impfempfehlung gilt uneingeschränkt für alle Leberkrankheiten, unabhängig von der Grunddiagnose. Wir folgen damit den aktuellen RKI-Empfehlungen und dem weltweiten wissenschaftlichen Konsens der Fachgesellschaften, z.B. dem europäischen Fachärzteverband EASL, dem amerikanische Fachärzteverband AASLD und dem Europäischen Referenznetzwerk für seltene Lebererkrankungen (ERN-RARE LIVER). Impfungen können eine Infektion mit dem mittlerweile mehrfach mutierten Virus zwar oft nicht mehr ganz verhindern, reduzieren aber nach wie vor deutlich das Risiko von schweren Verläufen mit Krankhauseinweisungen, Long Covid oder Tod.

Aktuell werden für alle Bundesbürger und -bürgerinnen mindestens drei Impfungen empfohlen. Eine vierte Impfung wird mit Stand 31.3.2022 vom Robert-Koch-Institut für bestimmte Gruppen empfohlen, die entweder eine hohe Ansteckungswahrscheinlichkeit oder ein besonders hohes Risiko schwerer Verläufe haben: Menschen über 70, Menschen in Pflegeheimen, sowie „Personen mit einem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf in Einrichtungen der Eingliederungshilfe“, Menschen mit Immunschwäche ab fünf Jahren (z.B. Organtransplantierte) und Tätige in Medizin- und Pflegeeinrichtungen.

Fast zwei Drittel der Weltbevölkerung sind inzwischen mindestens einmal gegen SARS-CoV-2 geimpft. Über 11,4 Milliarden Impfdosen der verschiedenen Impfstoffe wurden inzwischen verabreicht. Seit der Einführung der ersten Impfungen im Dezember 2020 wurde eine überwältigend große Menge an Sicherheitsdaten generiert. Diese zeigen, dass die Sicherheit der SARS-CoV-2-Impfstoffe genauso gut ist, wie die Sicherheit anderer, seit Jahrzehnten verfügbarer Impfstoffe. Die Sorge einiger Menschen, dass es vermeintlich noch keine Sicherheitsdaten zu den neuen Impfungen gebe, ist schon lange überholt. Auch der Verweis auf „fehlende Langzeitstudien“ beruht auf einem Missverständnis, wann und wie echte Impfnebenwirkungen auftreten: Wenn es dazu kommt, treten diese relativ früh nach der Impfung auf (erste Wochen bis maximal zwei Monate), aber nicht Jahre später. Seltene Impfkomplikationen, wie z.B. allergische oder autoimmune Reaktionen, sind ebenso wie bei anderen Impfstoffen zwar möglich, aber die Ausnahme.

Häufig sind dagegen allgemeine Impfreaktionen und unerwünschte Ereignisse, wie z.B. Grippesymptome, Müdigkeit und Reaktionen an der Einstichstelle. In den Zulassungsstudien wurden solche Ereignisse aber oft auch in Placebo-Gruppen gesehen, die keinen Impfstoff erhielten. Ein solcher negativer Placebo-Effekt wird auch als Nocebo-Effekt bezeichnet, also körperliche Beschwerden durch negative Erwartungen („Kopfkino“). Dies zeigte eine kürzlich in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Metaanalyse. Nach der ersten Impfung berichteten 46% der Geimpften und 35% in den Placebo-Gruppen über systemische Reaktionen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Fieber. Nach der zweiten Impfung berichteten 61% der Geimpften vs. 32% der Menschen in den Placebo-Gruppen über solche Symptome. Die Autoren der Metaanalyse errechnen daraus, dass drei Viertel solcher Impfreaktionen nach der ersten Impfung auf einen Nocebo-Effekt zurückgingen. Nach der zweiten Impfung dürfte über die Hälfte der unerwünschten Ereignisse ein Nocebo-Effekt gewesen sein. Deutlicher war der Unterschied bei Reaktionen an der Einstichstelle: Über solche wurde von Geimpften deutlich öfter berichtet (67% nach der ersten und 71% nach der zweiten Impfung) als in den Placebo-Gruppen (16% nach der ersten und 12% nach der zweiten Impfung).

Im April 2022 gab die europäische Arzneimittelagentur EMA vorläufig Entwarnung zu einem Thema, welches seit einem Jahr kontrovers diskutiert wird: Es konnte kein Kausalzusammenhang zwischen mRNA-Impfungen und autoimmuner Hepatitis festgestellt werden. Die Diskussion, über die wir seit etwa einem Jahr berichten, war im Frühjahr 2021 erstmals aufgekommen: Sehr seltene Fälle von autoimmunen Leberentzündungen waren in den ersten zwei Wochen nach verschiedenen SARS-CoV-2-Impfungen beobachtet worden. Aufgrund der zeitlichen Nähe wurde diskutiert, ob dies mehr als ein Zufall sein könnte. Insbesondere ein Fallbericht aus 2021 schien diesen Verdacht zunächst zu erhärten, als eine autoimmune Leberentzündung nach der ersten Impfung auftrat und sich nach der zweiten Impfung verschlechterte; zeitliche Zufälle sind aber auch hier nicht auszuschließen, weil uns seitdem keine ähnlichen Berichte bekannt wurden und sich eine AIH mitunter auch ohne erkennbaren Anlass verschlechtern kann. In den vergangenen Monaten häuften sich weitere Hinweise, die eher für einen zeitlichen Zufall sprechen. Das wichtigste Gegenargument: Neudiagnosen von autoimmunen Leberentzündungen haben insgesamt nicht zugenommen, trotz millionenfacher COVID-Impfungen allein in Deutschland. Dies wurde bereits in 2021 diskutiert und im März durch eine Untersuchung der Uniklinik Hamburg (UKE) erneut gezeigt. Hier wurden sogar in 2021 etwas weniger AIH-Neudiagnosen beobachtet als in den Vorjahren, die möglicherweise auf eingeschränkte Diagnostik zu Pandemiezeiten zurückgehen. Bei mehreren Verdachtsfällen am UKE stellte sich bei eingehenden Untersuchungen zudem heraus, dass die autoimmune Hepatitis offenbar schon länger unerkannt vorgelegen hatte: Erkannt wurde dies an Narbengewebe in der Leber, welches erst nach längeren Erkrankungen entsteht. Ein Kausalzusammenhang wird von der EMA zurzeit verneint, diese wird die Thematik aber weiter beobachten und weitere Fallberichte von AIH sammeln und untersuchen. Selbst wenn sich die Einschätzung der EMA durch künftige Daten noch einmal ändern würde, wären dies äußerst seltene Fälle. Die Impfempfehlung gilt daher auch ausdrücklich für Menschen mit autoimmunen Lebererkrankungen, da eine ungebremste Infektion hier deutlich wahrscheinlicher zu Leberkomplikationen führt als eventuelle, derzeit als unwahrscheinlich eingestufte Impfnebenwirkungen.

Für Diskussion sorgte Anfang 2022 eine umstrittene Hypothese aus Schweden. Anhand von Laborexperimenten mit Zellkulturen wurde vermutet, die mRNA könne sich durch reverse Transkription in das Erbgut von Leberzellen hineinschreiben. Diese These wird von unserem medizinischen Beirat derzeit als sehr unwahrscheinlich eingestuft. Aktuell gibt es keinen Beweis für eine solche reverse Transkription, weder durch die Impfung noch durch SARS-CoV-2-Virusinfektionen. Selbst wenn ein solcher Vorgang bei SARS-CoV-2 existierte, spräche auch dies eher für eine Impfung: Bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 ist der Körper mit viel größeren Mengen von RNA konfrontiert – und in dem Fall echter, viraler und replizierender RNA. Gäbe es eine reverse Transkription bei COVID-19, würde also bei einer Infektion deutlich mehr DNA entstehen, welche sich in entsprechend größerer Menge in das Wirtsgenom integrieren könnte. Ohne Impfung würde die Problematik also auch in diesem hypothetischen und unwahrscheinlichen Fall deutlich erhöht.

Die Sicherheit der Impfstoffe wird weiterhin fortlaufend überwacht. Wenn bei Ihnen der Verdacht einer seltenen Impfkomplikation bestehen sollte (z.B. allergische oder autoimmune Reaktion), machen Sie bitte eine Verdachtsmeldung auf Nebenwirkungen auf der Webseite des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Eine solche Meldung können Sie auch als Patienten oder Angehörige machen, falls Ihre Ärzte nicht an einen Zusammenhang glauben, aber Sie dennoch den Verdacht haben. Sie müssen bei Ihrer Meldung auch nicht beweisen, dass es sich um einen Impfschaden handelt. Es heißt nicht ohne Grund „Verdachtsmeldung“: Es reicht, wenn Sie einen Verdacht haben. Wichtig ist es, für Rückfragen erreichbar zu sein, damit das PEI Ihrer Meldung nachgehen kann. Grundsätzlich werden in Deutschland und der EU alle zugelassenen Arzneimittel und Impfstoffe fortlaufend auf Sicherheit und Wirksamkeit überwacht (Pharmakovigilanz).

Weitere Vorsorge- und Schutzmaßnahmen für Risikogruppen (z.B. Menschen mit Immunschwäche)

Personen mit schwerer Immunschwäche bzw. unter starker Immunsuppression (z.B. Lebertransplantierte) vertragen die SARS-CoV-2-Impfstoffe genauso gut wie andere Menschen und haben nicht häufiger Komplikationen. Allerdings spricht die Impfung hier seltener vollständig an, sodass nicht immer ein ausreichender Schutz gegeben ist.

Von schweren Verläufen gefährdete Menschen sollten sich daher vorerst weiterhin vor Ansteckungen durch die allgemein bekannten Hygienemaßnahmen schützen (Maske, Abstand, Hygiene).

Für Risikogruppen, die sich nicht ausreichend durch eine Impfung schützen können, besteht die Möglichkeit, durch eine vorsorgliche Behandlung mit monoklonalen Antikörpern doch einen verbesserten Immunschutz zu erlangen. Sollten Sie hierzu gehören, lassen Sie sich ärztlich beraten, ob eine solche vorsorgliche Therapie bei Ihnen angezeigt ist.

Wenn Personen mit Risikofaktoren sich mit SARS-CoV-2 anstecken (z.B. Immunsuppression, höheres Alter, Diabetes schwere Leber-, Lungen-, Herz- oder Nierenkrankheit etc.), lassen Sie sich bitte ebenfalls in Ihrer Klinik, Praxis oder unter der deutschlandweit gültigen Telefonnummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst beraten (Tel.: 116117, www.116117.de). In einigen Fällen kann es für Risikogruppen sinnvoll sein, in den ersten Tagen der Infektion eine Behandlung mit antiviralen Medikamenten oder ebenfalls antiklonalen Antikörpern zu starten, um das Risiko eines schweren Verlaufs zu reduzieren.

Bleiben Sie gesund!

Ihre Deutsche Leberhilfe e.V.

 

  

Aktuelle Informationen zu Schutzmaßnahmen, Impfstoffen und Verhalten bei Infektionen finden Sie auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts und des Bundesgesundheitsministeriums (anklickbare Links in roter Schrift):

Robert-Koch-Institut, Übersichtsseite
Robert-Koch-Institut, häufige Fragen zu Covid-19
Bundesgesundheitsministerium, Übersichtsseite

In englischer Sprache bieten auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das europäische ECDC umfassende Informationen:

Weltgesundheitsorganisation (WHO), Übersichtsseite
European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), Übersichtsseite

Um den Verlauf von Covid-19 bei chronischen Leberkrankheiten besser zu verstehen, hat der europäische Fachverband EASL unter https://covid-hep.net/ ein Register eingerichtet. Auch das Europäische Referenznetzwerk für seltene Lebererkrankungen (ERN-RARE LIVER) wird ein solches Register speziell ins Leben rufen.

 

 

 

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