8. November

Infoseite: COVID-19, Lebererkrankungen und Impfungen

In dieser Rubrik finden Sie Informationen zu COVID-19, Lebererkrankungen und Impfung. Wir aktualisieren diese Rubrik regelmäßig bei neuen Erkenntnissen.

8. November 2021. COVID-19 gefährdet insbesondere schwer Leberkranke mit Zirrhose und/oder Leberzellkrebs. Gehäufte schwere Verläufe werden zudem bei Menschen mit Fettleber beobachtet (die oft noch an weiteren Risikofaktoren wie z.B. Adipositas und Diabetes leiden) sowie bei alkoholbedingter Lebererkrankung. Patienten mit Alpha-1-Antitrypsinmangel sind aufgrund der begleitenden Lungenkrankheit ebenfalls stärker gefährdet. Bei anderen Lebererkrankungen (z.B. Virushepatitis, autoimmunen oder Stoffwechselkrankheiten) scheint das Risiko schwerer Verläufe vergleichbar mit der Allgemeinbevölkerung zu sein, solange noch kein schwerer Leberschaden vorliegt.

Die Deutsche Leberhilfe e.V. empfiehlt die Coronaimpfung ausdrücklich und uneingeschränkt für alle Leberkranken. Es gibt keine Einschränkung je nach Krankheitsstadium oder Grunddiagnose. Leberkranke, die sich impfen lassen, haben nicht öfter Impfreaktionen oder seltene Nebenwirkungen als die Allgemeinbevölkerung. Die in Deutschland verfügbaren Impfstoffe sind nicht ansteckend (keine Lebendimpfung) und mRNA-Impfstoffe haben keinen Einfluss auf das menschliche Erbgut (DNA). Die Impfstoffe sind gut verträglich und es ist in der Regel keine Belastung der Leber zu erwarten.

In sehr seltenen Fällen wurde über autoimmune Leberentzündungen nach COVID-19-Impfungen mit mRNA- oder Vektorimpfstoffen berichtet. Ein möglicher Kausalzusammenhang wird diskutiert, wobei bisher keine Häufung solcher Probleme belegt ist: Weltweit sind bereits 7,25 Milliarden COVID-19-Impfdosen erfolgt und solche autoimmunen Phänome wurden bislang nur in Einzelfällen beobachtet. Das Risiko von (auch autoimmunen) Komplikationen ist bei einer echten COVID-19-Erkrankung um ein Vielfaches höher. Daher überwiegt der Nutzen der Impfung dieses sehr geringe, eventuelle Restrisiko weiterhin eindeutig.

Die Corona-Pandemie hält die Welt seit anderthalb Jahren in Atem. Seit einigen Monaten dominiert auch in Deutschland die Delta-Variante des Virus. Erstmals wurde diese Variante Ende 2020 in Indien entdeckt. Im Vergleich zu den bisherigen Varianten ist die Delta-Variante die bisher aggressivste und gefährlichste. Laut einer aktuellen Studie aus Kanada führte die Delta-Variante des Coronavirus mit einer Rate von 120% häufiger zu Krankenhauseinweisungen, mit 287% öfter zu Einweisungen auf die Intensivstation und mit 130% öfter zu tödlichen Verläufen als der ursprüngliche „Wildtyp“ des Coronavirus.

In Indien traf die Delta-Variante auf eine weitgehend ungeimpfte Bevölkerung und führte dort im Frühjahr 2021 zu apokalyptischen Szenen. Ähnliches sieht man inzwischen in einzelnen Bundesstaaten der USA wie Florida, Mississippi und Louisiana, in welchen besonders viele Impfverweigerer leben: Bereits im Sommer 2021 war dort aufgrund der zahlreichen COVID-Patienten in vielen Kliniken kein einziges Intensivbett mehr frei – auch nicht für Herzinfarkte, Unfälle oder andere Notfälle, wie sie auch schwer Leberkranke erleben. Die Zahl der schwer Erkrankten und Toten steigt dort bei Ungeimpften wieder sprunghaft an. Dies zeigt: Ohne ausreichenden Schutz durch Impfungen kann COVID-19 auch moderne westliche Gesundheitssysteme überrollen.

Deutsche Leberhilfe e.V. empfiehlt Corona-Impfung für alle Leberkranken

Die Deutsche Leberhilfe e.V. empfiehlt die Corona-Impfung weiterhin ausdrücklich für alle Leberkranken, egal was ihre Grunddiagnose ist: chronische Hepatitisinfektionen, autoimmune oder Stoffwechselerkrankungen, erbliche oder toxische Leberschäden. Besonders wichtig ist die Impfung für Menschen mit fortgeschrittenen Lebererkrankungen, z.B. bei Zirrhose und Leberkrebs.

Zahlreiche Institutionen im Leberbereich befürworten ebenfalls ausdrücklich eine Impfung für alle Leberkranken, wie z.B. der europäische Fachärzteverband EASL, der amerikanische Fachärzteverband AASLD und das Europäische Referenznetzwerk für seltene Lebererkrankungen (ERN-RARE LIVER). Auch in Großbritannien gibt es ein gemeinsames Statement des British Liver Trust, der British Society of Gastroenterology und der British Association for the Study of the Liver, welches ebenfalls zur Impfung rät.

Die Delta-Variante des Coronavirus ist auch für die Allgemeinbevölkerung gefährlicher geworden. Aktuell liegen uns noch keine Daten zu Verläufen dieser COVID-19-Variante speziell bei Leberkranken vor. Bisherige Erkenntnisse zeigen, dass insbesondere schwer Leberkranke mit dekompensierter Zirrhose und Leberzellkrebs durch einen schweren oder tödlichen Verlauf gefährdet sind. Auch bei Patienten mit alkoholbedingter Lebererkrankung sieht man öfter schwere Verläufe. Beides wurde durch Daten aus Frankreich auf dem diesjährigen EASL-Kongress erneut bestätigt.

Ähnliches gilt bei nichtalkoholischen Fettlebererkrankungen, wo ebenfalls öfter schwere und verlängerte Verläufe beobachtet werden; die Fettleber könnte ein eigenständiger Risikofaktor sein, allerdings leiden viele Fettleberpatienten gleichzeitig an einem metabolischen Syndrom wie z.B. Adipositas, Insulinresistenz und Bluthochdruck, was ebenfalls das Risiko für einen schweren Verlauf erhöht.

Schlechte Nachrichten zu Impfdurchbrüchen: Warum die Impfung trotzdem sehr viel bringt.

Die derzeit verfügbaren Impfstoffe wurden gegen den ursprünglichen Wildtyp des Coronavirus entwickelt und können das Infektionsrisiko bei dieser neuen Variante noch schätzungsweise um zwei Drittel senken. Ansteckungen und symptomatische Erkrankungen trotz vollständiger Impfung waren bereits beim ursprünglichen Wildtyp möglich und werden häufiger auch durch die Delta-Variante beobachtet. Ausbrüche mit der Delta-Variante trotz Impfungen wurden insbesondere bei größeren Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen beobachtet. Kommt es zu einer solchen Durchbruch­infektion, können Geimpfte ebenfalls andere Menschen infizieren. Laut aktuellen Daten des CDC schützt die Impfung jedoch die große Mehrzahl der Geimpften vor schweren Verläufen auch beim Deltavirus und scheint die Zeit zu verkürzen, in welcher diese für andere ansteckend sind. Sollte es zu einem Impfdurchbruch kommen, ist leider nicht immer auszuschließen, dass auch diese Menschen an verlängerten Symptomen, also Long COVID leiden.

Es ist theoretisch denkbar, dass künftige Varianten den Schutz der heutigen Impfstoffe ganz umgehen. Dann würden voraussichtlich wieder neue Impfstoffe benötigt. Einige Menschen, die Impfungen generell skeptisch gegenüberstehen, fragen dann: „Warum soll ich mich überhaupt impfen lassen, wenn die
Impfung irgendwann vielleicht nicht mehr wirkt und wiederholt werden muss?“ Das ist allerdings zu kurz gedacht. Man sagt ja auch nicht: „Essen ist sinnlos, weil ich morgen wieder hungrig bin.“ So werden z.B. Influenza-Impfungen jährlich wiederholt und an neue Virusvarianten angepasst – und schützen gerade durch die Wiederholung jedes Jahr neu.

Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Virusvarianten entstehen und Impfstoffe nicht mehr wirken, gerade dann, wenn sich zu wenige Menschen impfen lassen. Je mehr Menschen das Virus noch infizieren kann, desto wahrscheinlicher werden neue Varianten entstehen. Je konsequenter und schneller geimpft wird, desto geringer sind die Chancen für neue Varianten.

Allgemeine Impfreaktionen möglich, schwere Nebenwirkungen bislang sehr selten

Inzwischen liegen nicht nur die Daten der Zulassungsstudien mit zehntausenden von Patienten vor, sondern auch Erfahrungen nach über 7,25 Milliarden Impfdosen, die weltweit bis zum 8. November bereits verabreicht wurden.

Die Sicherheit und Verträglichkeit der Impfstoffe erscheint bisher ähnlich gut wie die von anderen, seit Langem verfügbaren Impfstoffen, z.B. gegen Influenza, Hepatitis A und B.

Mögliche Impfreaktionen umfassen Schmerzen an der Einstichstelle, grippeähnliche Symptome, Schüttelfrost und Abgeschlagenheit. Diese Erscheinungen treten häufig auf und können entweder mild sein oder Geimpfte für einige Tage außer Gefecht setzen – sie sind aber harmlos.

Schwere Nebenwirkungen sind in Einzelfällen möglich, aber bislang sehr selten. Bekannt sind Ausnahmefälle von schweren allergischen Reaktionen, Hirnvenenthrombosen und anderen Thrombosen, Herzmuskelentzündungen und ein Guillain-Barré-Syndrom. In einigen Fällen kam es zu vorübergehenden Gesichtslähmungen (Faszialparazesen), die auf eine Schwellung der Nerven zurückgingen.

Fast alle diese seltenen Komplikationen treten um ein Vielfaches häufiger auf, wenn sich ein Mensch mit dem echten Virus ansteckt. Seltene Herzmuskelentzündungen treten laut einer aktuellen Studie viermal öfter unter COVID-19 auf als unter einer Impfung. Hirnvenenthrombosen (welche in der Presse ausführlich diskutiert wurden) betrafen beim AstraZeneca-Impfstoff etwa vier von einer Million Geimpften. Bei COVID-19 waren dies laut einer Studie aus Oxford knapp 43 Fälle auf eine Million Infizierte.

Das Risiko anderer Thrombosen ist bei COVID-19 ebenfalls deutlich erhöht: Laut einer Metanalyse erlitten knapp 8% der COVID-19-Patienten im Krankenhaus, die nicht auf der Intensivstation lagen, eine Thrombose. Bei COVID-19-Patienten auf der Intensivstation traten Thrombosen sogar bei fast jedem Vierten auf (23%).

Wie ist der Stand bezüglich Impfung und Sicherheit der Leber?

Die Sicherheit bezüglich der Leber ist sehr gut. Die Impfung belastet die Leber in der Regel nicht und es wird keine Verschlechterung von bestehenden Lebererkrankungen erwartet. Dies ist insbesondere für Menschen mit autoimmunen Leberkrankheiten wichtig zu wissen, die sich verständlicherweise besonders viele Sorgen machen: Die Grundsorge ist dort, dass das eigene Immunsystem bereits „der Feind“ sei und durch eine Impfung angeblich weiter provoziert werden könnte. Tatsächlich sind autoimmune Erkrankungen etwas komplizierter – zum Glück: Selbst bei autoimmun Erkrankten ist das Immunsystem oft nur an einer bestimmten Stelle gestört und greift bestimmte körpereigene Zellen an, wie z.B. Leber- oder Gallengangszellen. Es ist aber nicht ein Gegner des ganzen Körpers und sämtlicher Körperzellen, sondern verrichtet an ganz vielen Stellen ganz normal seine lebenswichtige Arbeit weiter, indem es vor Giftstoffen, Infektionserregern oder Tumorzellen schützt. Impfstoffe helfen dem Immunsystem auch bei autoimmunen Leberkrankheiten, seine lebenswichtigen Aufgaben beim Infektionsschutz weiterhin wahrzunehmen.

Dass eine Impfung überhaupt autoimmune Reaktionen auslöst und diese dann auch noch die Leber betreffen, ist sehr unwahrscheinlich und selten. Nach über 7,25 Milliarden Impfdosen weltweit (Stand 4. November) kennen wir Einzelfallberichte bei bisher Gesunden, in denen eine autoimmune Leberentzündung in den ersten Wochen nach einer COVID-19-Impfung erstmals auftrat. Ein ursächlicher Zusammenhang ist aufgrund der Seltenheit dieser Phänomene zwar noch umstritten, wird aber inzwischen intensiver diskutiert: In einem Fall trat eine solche Leberentzündung erstmals nach einer ersten Impfung auf (mRNA-Impfstoff von Moderna) und verschlechterte sich nach der zweiten Impfdosis, sodass die Autoren in diesem Fall die Impfung als bestätigten Auslöser einstuften. Diese seltene Phänomene wurden nicht nur nach mRNA-Impfungen beobachtet, da auch zwei Fallberichte nach einer Vektorimpfung (chinesischer CoviShield-Impfstoff) bekannt sind. Es gibt jedoch auch unter Hepatologen nach wie vor kontroverse Diskussionen, ob ein Kausalzusammenhang durch die vorliegenden Daten bereits erwiesen oder noch nicht eindeutig ist. Bislang sind diese Fallberichte zudem noch so selten, dass diese bei Geimpften bisher nicht eindeutig häufiger beobachtet werden als bei Ungeimpften.

Ähnliche seltene Fallberichte gibt es auch für andere, seit Langem verfügbare Impfstoffe, z.B. gegen Hepatitis A und B oder Influenza, wo ebenso nicht eindeutig geklärt ist, ob die Impfungen tatsächlicher Auslöser waren oder zufällig in zeitlicher Nähe stattfanden. Es gibt auch Fallberichte, laut denen echte Infektionen mit SARS-CoV-2, Hepatitis- oder Influenzaviren eine autoimmune Hepatitis zum Ausbruch gebracht haben. Bislang ist uns keine Verschlechterung von bereits bestehenden und entsprechend medikamentös eingestellten Autoimmunkrankheiten durch Impfungen bekannt. Und: Auch die Impfungen gegen Hepatitis A und B und Influenza werden für Leberkranke (einschließlich autoimmun Leberkranke) dringend empfohlen, da sie vor Infektionen schützen, die hier sonst öfter schwer verlaufen.

Darf man sich erneut impfen, wenn es schon einmal Komplikationen gab? Einzelfallentscheidung!

So selten schwere Nebenwirkungen sind: Wenn jemand davon betroffen ist, sind für diesen Menschen alle statistischen Unwahrscheinlichkeiten egal. Wer bereits einmal eine schwere Reaktion nach einer COVID-19-Impfung hatte, sollte mit weiteren Impfungen grundsätzlich vorsichtig sein. Vorsicht ist auch angezeigt, wenn der Zusammenhang der Komplikation mit dem Impfstoff nicht ganz eindeutig ist. Kontraindikationen können auch ein Kapillar-Leck-Syndrom, starke Blutungsneigung (wegen der Nadel) sowie schwere allergische Reaktionen (z.B. anaphylaktischer Schock) nach anderen Impfungen in der Vergangenheit sein. In der Regel wird dann von einer Impfung abgeraten. Angesichts der Gefährlichkeit von COVID-19 sollte die Entscheidung für oder gegen eine Impfung individuell mit den behandelnden Fachärzten besprochen und Risiken sowie Nutzen sorgfältig abgewogen werden.

Und: Falls Sie von einer schweren Nebenwirkung betroffen waren/sind, machen Sie bitte eine Verdachtsmeldung auf Nebenwirkungen auf der Webseite des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Eine solche Meldung können Sie auch als Patienten oder Angehörige machen, falls Ihre Ärzte nicht an einen Zusammenhang glauben, aber Sie dennoch den Verdacht haben. Sie müssen bei Ihrer Meldung auch nicht beweisen, dass es sich um einen Impfschaden handelt. Es heißt nicht ohne Grund „Verdachtsmeldung“: Es reicht, wenn Sie einen Verdacht haben. Wichtig ist es, für Rückfragen erreichbar zu sein, damit das PEI Ihrer Meldung nachgehen kann. Grundsätzlich werden in Deutschland und der EU alle zugelassenen Arzneimittel und Impfstoffe fortlaufend auf Sicherheit und Wirksamkeit überwacht (Pharmakovigilanz).

Verfügbare und künftige Impfstoffe

Die in Deutschland verfügbaren Impfstoffe enthalten keine aktiven, vermehrungsfähigen Viren. Daher gibt es auch für Leberkranke unter Immunsuppression keine Einschränkung gegen diese Impfstoffe (anders als bei Lebendimpfstoffen z.B. gegen Masern, die bei Immunsuppression doch zu echten Infektionen führen können).

Derzeit gibt es zwei Impfstoffvarianten: die neuartigen mRNA-Impfstoffe sowie Vektorimpfstoffe. Beide liefern auf unterschiedliche Weise einen Bauplan an Körperzellen. Diese stellen mithilfe des Bauplans einen einzelnen Bestandteil des Virus her: das sogenannte Spikeprotein.

Bei den mRNA-Impfstoffen der Firmen BioNTech/Pfizer und Moderna wird der Bauplan mithilfe einer mRNA transportiert. Diese ist sehr empfindlich und hält nicht lange, sodass diese nach kurzer Zeit wieder aus dem Körper verschwindet. Anders als einige Menschen befürchten, kann sich die mRNA nicht ins menschliche Erbgut (DNA) einbauen.

Bei Vektorimpfstoffen wird der Bauplan mithilfe eines für Menschen harmlosen Virus transportiert, das sich selbst nicht vermehren kann.

In der Zukunft könnten weitere Impfstoffe verfügbar werden.  Einige davon werden ebenfalls mRNA- und Vektorimpfstoffe, andere werden die klassischen Peptid-Impfstoffe sein. Zulassungsstudien laufen auch für Totimpfstoffe mit vollständigen, aber abgetöteten Viren.

Die künftigen Impfstoffe werden voraussichtlich in bekannter Art in den Oberarmmuskel injiziert. Diskutiert wird für die Zukunft auch ein neuartiges Prinzip, bei dem Impfstoffe ggf. direkt in die Lunge inhaliert werden könnten. Sicherheit und Wirksamkeit eines solchen Vorgehens müssen aber noch untersucht werden und Menschenstudien haben gerade erst begonnen.

Immunsuppression kann Wirksamkeit herabsetzen

Bei Patienten, die z.B. aufgrund einer autoimmunen Hepatitis oder einer Lebertransplantation Immunsuppressiva einnehmen, scheint die Verträglichkeit der Corona-Impfstoffe nicht schlechter zu sein als bei anderen Menschen. Allerdings ist die Wirksamkeit oft geringer, da das Immunsystem schon heruntergefahren ist. Dies kann bedeuten, dass die erwünschten schützenden Antikörper entweder in geringerem Maße oder gar nicht auftreten. Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob ggf. trotzdem auf andere Art ein verbesserter Immunschutz besteht, weil neben spezifischen Antikörpern auch T-Zellen angeregt werden können.

Daten aus Israel (Bergwerk et al., 2021) lassen jedoch bereits vermuten, dass die Höhe der Antikörper nach einer Impfung auch etwas über den Immunschutz aussagt: Bei 1.497 geimpften Mitarbeitern im Gesundheitsdienst traten im Studienzeitraum 39 Durchbruchinfektionen auf – und dann eher bei Menschen, bei denen die Antikörperspiegel schon vorher relativ niedrig waren. Erfreulicherweise verliefen die meisten dieser Infektionen jedoch mild oder ganz symptomlos, wobei es in einzelnen Fällen auch zu längeren Symptomen kam. Dies lässt vermuten, dass Menschen selbst bei „Impfversagen“ besser gegen schwere Verläufe geschützt sind, aber eben auch, dass ein höherer Antikörperspiegel besser davor schützt, sich überhaupt zu infizieren. Eine weitere Studie (Gilbert et al., 2021), die allerdings noch nicht abschließend geprüft ist, weist ebenfalls auf einen solchen Zusammenhang zwischen Impfschutz und Höhe der Antikörper hin.

Drittimpfung bei Impfversagen? Auch für Leberkranke ggf. sinnvoll

Eine dritte Impfung kann diesen messbaren Impfschutz unter Umständen doch noch herbeiführen bzw. verbessern. Eine erste Studie mit 120 Organtransplantierten hat dies bereits gezeigt. Es handelte sich um eine gemischte Gruppe von erwachsenen Transplantierten. Diese waren entweder an der Niere, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse oder Leber bzw. gleichzeitig an mehreren Organen transplantiert worden.

Die Transplantierten wurden in dieser Studie zunächst zweimal mit dem Moderna-Impfstoff geimpft (Monat 0 und Monat 1). Zum Monat 3 – also zwei Monate nach der zweiten Impfung – wurde die Hälfte dieser Patienten dann noch ein drittes Mal geimpft. Die andere Hälfte der Organtransplantierten erhielt nur ein Placebo, genauer gesagt eine Spritze mit Kochsalzlösung. Zum Monat 4 wurden die beiden Gruppen wieder miteinander verglichen. Ein höherer Anteil der dreifach Geimpften (55% statt 17,5%) hatte einen ausreichend hohen Antikörpertiter von mindestens 100 Einheiten/ml erreicht. Ingesamt waren die Antikörpertiter nach der Drittimpfung 75mal höher als bei den zweifach Geimpften.

Die Verträglichkeit der Impfstoffe bei der dritten Impfung war ähnlich gut wie bei den ersten beiden Impfungen. Wie zu erwarten, gab es bei der echten Drittimpfung mehr allgemeine Impfreaktionen als bei Placebo, wie z.B. Reaktionen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Schüttelfrost oder Fieber. Die Impfung führte auch beim dritten Mal zu keinerlei Abstoßungsreaktionen der Spenderorgane; diese Erkenntnis ist beruhigend und wichtig, denn viele Transplantierte haben Sorge, dass ein solches Ereignis nach Impfungen eintreten könne. Im Studienzeitraum gab es nur eine Corona-Infektion in der Placebo-Gruppe, also einer Person, die nur zweifach und nicht dreifach geimpft worden war.

Die Studie ist noch nicht voll publiziert. Sie wurde zunächst als Leserbrief im New England Journal of Medicine mit angehängten Studiendaten veröffentlicht, der jedoch bereits in dieser Form Aufsehen erregte und die Diskussion um eine eventuelle Drittimpfung befeuerte.

Speziell für Lebertransplantierte oder AIH-Patienten unter Immunsuppression kennen wir noch keine gesonderten Untersuchungen, ob und wie sich das Impfansprechen durch eine dritte Impfung verbessern lässt. Die positiven Daten bei Organtransplantierten (unter denen auch einige Lebertransplantierte waren) lassen eine dritte Impfung aber auch hier als empfehlenswert erscheinen, zumindest falls die ersten beiden Impfungen nicht ansprechen. Daten zu dieser Fragestellung werden auch für Leberkranke mit Spannung erwartet, und wir hoffen, Ihnen hier bald Neues berichten zu können.

Fazit

Die Corona-Impfempfehlung für alle Leberkranke gilt weiterhin ausdrücklich und uneingeschränkt. Bislang ist keine Lebererkrankung und kein Grad der Leberschädigung bekannt, die gegen eine Impfung sprechen würden. Im Gegenteil: Je kränker die Leber, desto wichtiger ist der Impfschutz gegen COVID-19. Die Sorge vor sehr seltenen Impfkomplikationen ist zwar verständlich, aber muss gegen die realen und viel häufigeren Risiken einer „ungebremsten“ Infektion abgewogen werden. Deswegen appellieren wir an alle Leberkranken: Solange Sie keine anderen Kontraindikationen haben (z.B. ein Kapillar-Leck-Syndrom), lassen Sie sich gegen COVID-19 impfen. Ihre Lebererkrankung ist kein Hindernis, im Gegenteil: Sie schützen sich durch die Impfung vor Komplikationen, die Ihr Herz, Lungen, Nieren, Gehirn, Gefäßsystem und mitunter auch Ihre Leber betreffen können.

Deutsche Leberhilfe e.V.

Ideale Dauer des Händewaschens: 20 bis 30 Sekunden

Weitere Informationen

Allgemeine telefonische Beratung rund um das Thema SARS-CoV-19 finden Sie unter folgenden Rufnummern:

Tel. 0800/0117722: Unabhängige Patientenberatung Deutschland/Bundesgesundheitsministerium (Mo-Do. 8 bis 18 Uhr, Fr 8 bis 12 Uhr)
Tel. 115 (www.115.de): Einheitliche Behördenrufnummer (Mo-Fr. 8 bis 18 Uhr)
Bei örtlichen Gesundheitsämtern sind zum Teil ebenfalls spezielle Rufnummern geschaltet, die Sie auf den jeweiligen Webseiten dieser Ämter finden.
Aktuell beginnen auch Krankenkassen, eigene Hotlines zur Beratung einzurichten. Diese finden Sie auf den Webseiten der jeweiligen Krankenkasse.
Mit längeren Wartezeiten muss aktuell gerechnet werden.

Wenn Sie befürchten, infiziert zu sein:

Bitte kontaktieren Sie zunächst telefonisch Ihre Hausarztpraxis und lassen Sie sich beraten. Gehen Sie nicht unangemeldet in die Praxis, sondern vereinbaren Sie einen Termin, damit man dort die Ansteckungsrisiken für Personal und andere Patienten minimieren kann. Wenn Ihre Hausarztpraxis nicht erreichbar ist und Sie medizinische Hilfe benötigen, können Sie auch den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116 117 rund um die Uhr deutschlandweit erreichen.
Bitte wählen Sie nicht (!) den Notruf allein aufgrund eines Infektionsverdachts, damit die Leitung nicht für akut dringende Notfälle blockiert ist (z.B. schwere Atemnot, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Varizenblutungen, Brände).

Aktuelle Informationen zu Schutzmaßnahmen, Verbreitung und Verhalten bei Infektionen finden Sie auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts und des Bundesgesundheitsministeriums (anklickbare Links in roter Schrift):

Robert-Koch-Institut, Übersichtsseite
Robert-Koch-Institut, häufige Fragen zu Covid-19
Bundesgesundheitsministerium, Übersichtsseite

In englischer Sprache bieten auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das europäische ECDC umfassende Informationen:

Weltgesundheitsorganisation (WHO), Übersichtsseite
European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), Übersichtsseite

Um den Verlauf von Covid-19 bei chronischen Leberkrankheiten besser zu verstehen, hat der europäische Fachverband EASL unter https://covid-hep.net/ ein Register eingerichtet. Auch das Europäische Referenznetzwerk für seltene Lebererkrankungen (ERN-RARE LIVER) wird ein solches Register speziell ins Leben rufen.

Wir verfolgen das Geschehen online auf unserer Seite und bleiben per E-Mail erreichbar (beratung@leberhilfe.org sowie lebenszeichen@leberhilfe.org).

Bitte überprüfen Sie auch diese Seite regelmäßig. Wenn es für Leberkranke Neuigkeiten gibt, werden wir diesen Artikel entsprechend aktualisieren.

Ihre Deutsche Leberhilfe e.V.

 

Quellenauswahl:

CDC: Delta Variant: What We Know About the Science. Updated Aug. 6, 2021. https://www.cdc.gov/coronavirus/2019-ncov/variants/delta-variant.html
CDC: Outbreak of SARS-CoV-2 Infections, Including COVID-19 Vaccine Breakthrough Infections, Associated with Large Public Gatherings — Barnstable County, Massachusetts, July 2021. 6. August 2021. https://www.cdc.gov/mmwr/volumes/70/wr/mm7031e2.htm
OurWorldInData: Übersicht über aktuell gegebene Impfdosen weltweit. https://ourworldindata.org/grapher/cumulative-covid-vaccinations?tab=table&stackMode=absolute&region=World

Robert Koch Institut: COVID-19 und Impfen: Antworten auf häufig gestellte Fragen (FAQ). Gesamtstand: 4.8.2021. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/COVID-Impfen/gesamt.html;jsessionid=745708DA676E1BFFEFE5D542230FBA86.internet091
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CDC: Allergic Reactions Including Anaphylaxis After Receipt of the First Dose of Moderna COVID-19 Vaccine — United States, December 21, 2020–January 10, 2021. Weekly / January 29, 2021 / 70(4);125–129. https://www.cdc.gov/mmwr/volumes/70/wr/mm7004e1.htm
Tobias Boettler et al.: Impact of COVID-19 on the care of patients with liver disease: EASL-ESCMID position paper after 6 months of the pandemic. JHEP Reports 2020 vol. 2 j 100169. https://easl.eu/news/easl-escmid-position-paper-review/

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Zuletzt aktualisiert am: 4. Oktober2021

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