24. Juli

Welt-Hepatitis-Tag: Bis 2030 auch in Deutschland Hepatitis erfolgreich bekämpfen

Interview im Vorfeld des Welt-Hepatitis-Tags am 28. Juli 2018

Köln, 24. Juli 2018. Im Jahr 2016 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschlossen, Hepatitis B (HBV) und Hepatitis C (HCV) bis 2030 weltweit einzudämmen bzw. zu eliminieren. Damit dies gelingt, ist neben der Prävention vor allem eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung sowie eine Erhöhung der Impfraten nötig. Auch in Deutschland hat der Kampf gegen Hepatitis begonnen: 2016 veröffentlichte die deutsche Bundesregierung ihre im Kabinett beschlossene Strategie „BIS-2030 – Bedarfsorientiert, Integriert, Sektorenu¨bergreifend“, die wie die Weltgesundheitsorganisation bis 2030 Hepatitis B und C, aber auch HIV und andere Infektionskrankheiten erfolgreich bekämpfen will.

Inwieweit wurde BIS2030 bisher umgesetzt? Hierzu finden Sie ein Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Christoph Sarrazin, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberhilfe e.V. und Direktor des Zentrums Innere Medizin, St. Josefs-Hospital in Wiesbaden, und Herrn Achim Kautz, Geschäftsführer der Leberhilfe Projekt gUG.

 

Herr Professor Sarrazin –

Gibt es für Deutschland aktuelle Daten zu Prävalenz, Inzidenz und Mortalität von HBV und HCV?

Sarrazin: Leider ist die Datenlage in Deutschland durch eine fehlende nationale Gesundheitsbehörde und Zusammenführung von Informationen zu den betroffenen Patienten unzureichend. Allerdings wissen wir, dass jeweils ca. 100.000 bis 200.000 Patienten mit chronischer Hepatitis B und C in Deutschland leben, von denen ca. die Hälfte nichts von der Infektion weiß. Bei der Hepatitis B ist durch die Neugeborenenimpfung eine Übertragung bei der in Deutschland geborenen Bevölkerung sehr selten. Durch Immigration ist die Zahl der Betroffenen jedoch hoch. Bei der Hepatitis C ist die Mehrzahl der Betroffenen durch die Übertragung von Blut und Blutprodukten vor der Entdeckung des Virus im Jahr 1989 infiziert worden. Dies bedeutet jedoch auch, dass hier viele Patienten seit Jahrzehnten Virusträger sind, so dass die Rate an Patienten mit Komplikationen wir Zirrhose und Leberkrebs zunimmt. Gleichzeitig wird das Hepatitis-C-Virus jedoch weiterhin durch Drogengebrauch, Verletzung mit unsauberen Nadeln und homosexuellen Geschlechtsverkehr übertragen.

Gibt es in Deutschland Voraussetzungen, die die Umsetzung von BIS2030 erleichtern oder erschweren?

Sarrazin: Leider gibt es in Deutschland bisher kein allgemeines Screening auf Hepatitis B oder Hepatitis C, das über die Empfehlungen der Leitlinie hinausgehen würde. Ebenfalls gibt es keine zentral koordinierten Maßnahmen, sondern eher einzelne Pilotprojekte für bestimmte Subgruppen und in bestimmten Regionen. Daher wäre es sehr wichtig, dass ein allgemeines Screening in der Bevölkerung z.B. von Risikopatienten mit einer entsprechenden Vergütung eingeführt wird. Ansonsten wird Deutschland die Ziele der BIS2030-Strategie im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nicht erreichen.

Welche Rolle spielen Ärzte, Fachschaften und Gesundheitsämter, um das Ziel von BIS2030 zu erreichen?

Sarrazin: Die Ziele der BIS2030 Strategie können nur durch gemeinsames Handeln aller im Gesundheitssystem Beteiligten erreicht werden. Darüber hinaus ist aufgrund der Risikopopulationen auch die Integration von speziellen Institutionen wie Gefängnissen oder Drogeneinrichtungen von besonderer Bedeutung.

Welche Rolle können Krankenkassen und der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) spielen?

Sarrazin: Der G-BA sollte durch eine mutige Entscheidung für die Einführung eines allgemeinen Screenings von Risikopopulationen die Grundlage legen für die Umsetzung mit Vergütung. Ansonsten ist zu befürchten, dass in der Allgemeinmedizin und anderen beteiligten Institutionen eine Durchführung nicht möglich sein wird.

Welche Rolle spielt die Deutsche Leberhilfe e.V.?

Sarrazin: Die Deutsche Leberhilfe übernimmt bereits jetzt die Aufgabe einer unabhängigen Information von Betroffenen zur Hepatitis B und C, mit entsprechenden Flyern bis hin zur persönlichen Beratung. Darüber hinaus steht die Leberhilfe für regionale und bundesweite Maßnahmen zur Aufklärung und Information der Bevölkerung z.B. durch Plakataktionen, Patienteninformations­veranstaltungen und Beratung von politischen und sozialen Institutionen zur Verfügung.

Was ist am schwierigsten umzusetzen – der Kampf gegen HCV oder gegen HBV?

Sarrazin: Hier würde ich keine Wertung vornehmen. Beide Erkrankungen stellen eine große Herausforderung dar. Bei der Hepatitis C besteht die Chance eine weitgehende Elimination aus der Gesellschaft. Bei der Hepatitis B handelt es sich um eine lebenslange Erkrankung mit entsprechender langfristiger Notwendigkeit einer kontinuierlichen Betreuung.

Wie bekämpft man erfolgreich Hepatitiden, die nicht in der BIS2030 genannt sind?

Sarrazin: Die Hepatitis Delta ist in Deutschland glücklicherweise mit ca. 15 neu diagnostizierten Patienten pro Jahr sehr selten. Allerdings steht bei rascher Progression der Erkrankung keine effektive Therapie zur Verfügung, so dass die wesentliche Herausforderung in der Entwicklung einer Behandlungsmöglichkeit besteht. Die Hepatitisviren, bei denen die Infektion über die Nahrung stattfindet wie Hepatitis A und E, bleiben eine kontinuierliche Herausforderung. Während die Hepatitis A primär in Deutschland selten ist und eher über Reisen eingeschleppt wird, ist die Hepatitis E in Deutschland endemisch. Hier nehmen die Zahlen der jährlich neu diagnostizierten Patienten stetig zu. Die Erkrankung heilt meistens aus, aber es gibt interessante Aspekte zu extrahepatischen Manifestationen wie z.B. neurologische Symptome.

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für den Kampf gegen Hepatitis – als Mediziner und als Vorsitzender der Deutschen Leberhilfe e.V.?

Sarrazin: Wir haben sowohl für die Hepatitis B mit der Impfung und den Polymeraseinhibitoren als auch für die Hepatitis C mit der direkt antiviralen Therapie alle Möglichkeiten zur Verfügung, diese im Langzeitverlauf häufig todbringenden Erkrankungen effektiv zu bekämpfen und praktisch zu eliminieren. Diese in der Medizin seltene Chance für eine hochgefährliche Infektionskrankheit sollten wir unbedingt nutzen. Damit können wir zahllosen Patienten ein erhebliches Leiden durch die Vermeidung von Zirrhose und Leberkrebs ersparen.

Was ist das Entscheidende, damit BIS2030 und die Umsetzung der WHO-Vorgaben gelingen kann?

Sarrazin: Entscheidend ist der politische Wille, in den nächsten Jahren einen Schwerpunkt auf die Hepatitis B und C in den nächsten Jahren zu legen. Es müsste eine ähnliche Aktivität gestartet werden wie seinerzeit in den 80er Jahren mit den großen „Gib AIDS keine Chance“ Kampagnen. Auf diese Weise können die Risiken und die Gefahren, aber auch die Behandlungsmöglichkeiten von Hepatitis B und C in das Bewusstsein nicht nur der beteiligten Institutionen im Gesundheitssystem, sondern auch der gesamten Bevölkerung gelangen.

 

 

Herr Kautz –

Was kann ein Welt-Hepatitis-Tag bewirken?

Kautz: Aufmerksamkeit zum Thema Virushepatitis auf zwei Ebenen: Zum einem können über Risiken, Test- und Behandlungsmöglichkeiten Zielgruppen spezifisch aufgeklärt werden und gleichzeitig gut aufbereitete Information dazu führen, dass die Stigmatisierung geringer wird. Zum anderen können all diejenigen sensibilisiert werden, die im direkten oder indirekten Kontakt mit potentiell Betroffenen stehen. Darüber hinaus können aber auch diejenigen über Hepatitis informiert werden, die Rahmenbedingungen formulieren, wie z.B. die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV).

Warum gibt es praktisch keine prominenten „Zugpferde“, die das Thema HCV und HBV breiter in die Öffentlichkeit tragen?

Kautz: Das liegt aus meiner Sicht wesentlich an zwei Faktoren, die sich gegenseitig bedingen. Das öffentliche Wissen zu Virushepatitis ist sehr gering, so dass bei Virushepatitis schnell an „selbstverschuldet“ oder „Schmuddelecke“ gedacht wird. Virushepatitis wird darüber hinaus auch oft mit Alkoholmissbrauch assoziiert – es ist ja schließlich eine Lebererkrankung… . Es liegt aber auch daran, dass Ärzte nicht gezielt ihre Patienten ansprechen. Bei „prominent“ wird schnell an einen Superstar aus Film und Fernsehen gedacht. Bei Patienten, die vielleicht nur regional oder lokal bekannt sind, wird leider nicht daran gedacht, diese gezielt anzusprechen und in Aufklärungskampagnen einzubinden.

Welche Akteure sind für die Umsetzung von BIS2030 wichtig?

Kautz: Im Prinzip alle, die direkt oder indirekt mit Betroffenen oder potentiell Betroffenen in Kontakt stehen sowie gesundheitspolitische Akteure wie z.B. BMG, KBV, GBA, oder die Krankenkassen. Darüber hinaus sind natürlich diejenigen wichtig, die im direkten Kontakt zu „Hochrisikopatienten“ stehen. Das sind Personen, die sich um Menschen, die intravenöse Drogen konsumieren (people using injecting Drugs, PWIDs), in beispielsweise Drogenberatungsstellen und Suchtmediziner, aber auch um Haftinsassen kümmern und im engen Kontakt stehen mit Migranten aus hochprävalenten Ländern. Patientenorganisationen wie die Deutsche Leberhilfe e.V. und die Deutsche Aidshilfe sind ebenfalls sehr wichtig, da beide langjährige Erfahrung und Netzwerke haben.

Was fehlt noch an der BIS2030? Was wünschen Sie sich, wie es weitergehen soll?

Kautz: Die BIS 2030 ist eigentlich eine hervorragende Möglichkeit, die Virushepatitis in Deutschland einzudämmen. Die regelmäßigen Treffen im BMG sind sehr hilfreich, da spezifische Themen angesprochen und Vorschläge für Aktionen ausgetauscht werden. Auch die initiierten Projekte des BMGs und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind sehr hilfreich. Es wäre toll, wenn diese Treffen fortgesetzt werden und weitere Akteure eingeladenwerden, sich an der BIS2030 zu beteiligen. Hilfreich wäre auch eine Übersichtsliste an Maßnahmen, an denen sich Interessierte beteiligen können. Auch eine Aussage von Herrn Minister Spahn: „ja wir schaffen es“ wäre hilfreich.

Was ist das Entscheidende, damit BIS2030 und die Umsetzung der WHO-Vorgaben gelingen kann?

Kautz: Koordination! Unser Deutsches Gesundheitssystem ist sehr komplex mit vielen verschiedenen unabhängigen Zuständigkeiten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Es kann nicht sein, dass wir auf der einen Seite die BIS2030 haben und auf der anderen Seite Entscheidungen getroffen werden, die das Gelingen der BIS2030 behindern. Der Vorbericht des IQWIGs zum HBV- und HCV-Screening im Rahmen des Check-Up 35 und der Wegfall der Ausnahmeziffer 32006 auf HCV-Antikörper- Testung durch den Hausarzt sind nicht gerade hilfreich. Es wäre daher wünschenswert, dass solche Entscheidungen vorab mit den Zuständigen der BIS2030 und den Teilnehmern der Gremiensitzungen besprochen würden. Zusätzlich würde es helfen, wenn die Umsetzung der BIS2030 auch politisch mehr unterstützt würde, dass z.B. der Gesundheitsausschuss des Bundestages die Bemühungen aktiv unterstützt. Es muss eine Zuständigkeit geschaffen werden, die neutral alle Entscheidungen hinsichtlich des Gelingens beurteilen kann und dann gezielt die Verantwortlichen ansprechen kann.

Sie arbeiten noch in anderen internationalen Gremien wie der World-Hepatitis-Alliance und der WHO. Lassen sich hieraus auch Erfahrungen und Ergebnisse nach Deutschland bringen?

Kautz: Die Länder, die derzeit auf einem guten Wege sind die Vorgaben der WHO umzusetzen*, haben alle eines gemeinsam: Sie stärken die wesentlichen Akteure, die mit „Hochrisiko-Patienten“ im direkten Kontakt stehen wie Drogenberatungseinrichtungen und Peer to Peer Projekte), binden die Hausärzte verpflichtend ein und stellen Ressourcen zur Verfügung, um besser aufzuklären und Diagnostik und Prävention zu stärken. Ein wesentlicher Faktor ist auch, dass andere Zuständigkeiten wie Justizministerien und Migrantenbeauftragte ebenfalls eng und verbindlich in die Umsetzung eingebunden werden.

Das Interview führte Frau Andrea Warpakowski.

 

*Anmerkung: Deutschland ist aus der WHO-Liste herausgefallen: http://cdafound.org/just-12-countries-worldwide-on-track-to-eliminate-hepatitis-c-infection-by-2030-with-united-kingdom-italy-and-spain-among-those-joining-the-list/

 

 

Welt-Hepatitis-Tag

Am 28. Juli 2018 ist Welt-Hepatitis-Tag, der dieses Jahr unter dem Motto steht: „Hepatitis: Findet die fehlenden Millionen!“ Im Hauptfokus des Aktionstages stehen die chronische Hepatitis B und C, welche weltweit insgesamt über 300 Millionen Menschen betreffen. Viele Patienten ahnen nichts von ihren Infektionen, die lange stumm verlaufen und unbehandelt zu tödlichen Spätfolgen führen können. Für beide Infektionen gibt es jedoch wirksame Behandlungsmöglichkeiten: Hepatitis B ist kontrollierbar und Hepatitis C ist sogar heilbar. Umso wichtiger ist es, die unbekannt Infizierten rechtzeitig zu finden.

Informationen zum Welt-Hepatitis-Tag finden Sie auf www.welthepatitistag.info und in englischer Sprache auf www.worldhepatitisday.org.

 

Sie können die Pressemeldung auch hier als PDF-Datei herunterladen.

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