29. März

Hepatitis-E-Infektion mit neuralgischer Schulteramyotrophie

Am Donnerstag, den 07.02.2019 bemerke ich (46 Jahre, weiblich, Vegetarier, keine Auslandsreise) vormittags im Büro Schmerzen im linken Arm. Diese werden im Laufe des Tages intensiver und breiten sich auch auf die Beine und den rechten Arm aus. In der Nacht sind die Schmerzen sehr stark, insbesondere im linken und rechten Oberarm-/Schulterbereich und im linken Oberschenkel. Ibuprofen 400 hilft nicht. Schlafen ist kaum möglich. Es sind sehr intensive, andauernde Schmerzen, völlig anders als Gliederschmerzen oder Bewegungsschmerzen.

Am nächsten Morgen gehe ich zum Hausarzt und berichte über meine Schmerzen. Es wird mir Blut abgenommen (Verdacht auf polymyalgia rheumatica) und ich bekomme zusätzlich noch Novalgin zur Schmerzlinderung mit. Tagsüber sind die Schmerzen noch deutlich spürbar, jedoch intensivieren sich diese abends und in der Nacht. Auch Novalgin/Ibuprofen abwechselnd helfen nicht. Schlaf ist wieder nicht möglich, das lassen die andauernden Schmerzen nicht zu.

Daher begebe ich mich morgens (Samstag) zum kassenärztlichen Notdienst des Krankenhauses. Auch der Arzt dort kann sich die Schmerzen nicht erklären, hat eine ähnliche Vermutung wie der Hausarzt und gibt mir eine Cortison-Infusion. Diese Infusion mindert die Schmerzen schon deutlich. Ich soll 20mg Prednisolon weiter einmal täglich nehmen, was ich auch mache. Eine Aufnahme ins Krankenhaus empfiehlt der Arzt mir über das Wochenende nicht. Ich fahre daraufhin wieder nach Hause und habe das ganze Wochenende insbesondere abends und nachts schreckliche Schmerzen. Tagsüber sind die Schmerzen auch stark, aber besser erträglich.

Am Montag, den 11.02.19 gehe ich zum Hausarzt, der mir ca. 10-fach erhöhte Leberwerte mitteilt. Er vermutet nun Pfeiffersches Drüsenfieber (EBV-Virus). Ich weise ihn ausdrücklich auf meine weiterhin sehr starken Schmerzen hin und darauf, dass ich bei Bewegungen über Kopf Bewegungseinschränkungen habe. Er geht davon aus, dass die Schmerzen und Beschwerden wieder weggehen, wenn sich die Leberwerte bessern. Es wird erneut Blut abgenommen und es soll ein Ultraschall der Milz gemacht werden (Ultraschall ohne Befund).

Die nächsten Tage habe ich weiterhin in den Armen und Schultern Schmerzen, die tagsüber stark und nachts extrem sind. Beim nächsten Hausarztbesuch am 14.02.2019 erfolgt dann die Diagnose „Infektion mit Hepatitis-E-Virus“. Die Leberwerte haben sich allerdings schon verbessert. Das Prednisolon soll ich ausschleichen (dies geschieht bis 18.02.2019), da es die Leber in dieser Situation zusätzlich belastet. Es wird ein weiterer Termin für die nächste Blutabnahme vereinbart, und ich schlage selber wegen der andauernden Schmerzen und der Bewegungseinschränkungen einen Besuch bei einem Neurologen vor. Die Schmerzen sind mittlerweile tagsüber erträglicher und auch nachts etwas weniger intensiv.

Nach einigen Anstrengungen (es ist bei vielen Neurologen kein Termin zu bekommen oder erst in drei Monaten) bekomme ich tatsächlich recht kurzfristig einen Termin bei einer Neurologin am 19.02.2019. Dieser berichte ich von meinem Krankheitsverlauf (Schmerzen in den Armen, Schultern und Beinen und den Bewegungseinschränkungen) und teile ihr mit, dass ich derzeit die schlimmsten Schmerzen im linken Arm habe. Daraufhin wird meine linke Körperhälfte gründlich neurologisch untersucht mit dem Befund, dass nichts zu finden ist. Auch die Neurologin empfiehlt mir, auf Medikamente zur Schmerzlinderung zu verzichten.

Ab dem 21.02.2019 bessern sich die Schmerzen tagsüber jetzt ständig, nachts wird es auch langsam besser. Ein Hausarztbesuch am gleichen Tag zeigt wieder verbesserte Leberwerte (diese nähern sich dem Normbereich).

Ungefähr zum 1. März 2019 bin ich weitgehend schmerzfrei, habe aber immer noch die Bewegungseinschränkungen insbesondere bei Über-Kopf-Bewegungen, die mir keine Ruhe lassen.

Am dem 4. März ertaste und sehe ich im Bereich der rechten Schulter eine Unregelmäßigkeit. Mein rechtes Schulterblatt bewegt sich anders als das linke und hebt sich vom Körper ab. Ich bin entsetzt, fassungslos und beschließe dann doch entgegen jedem Anraten auf Suche im Internet zu gehen. Nach einigem Suchen finde ich einen Hinweis darauf, dass Hepatitis-E-Infektionen mit neurologischen Erkrankungen einhergehen können, wenn auch selten. Dort fand ich einen Hinweis auf neuralgische Amyotrophien und bin so letztendlich auf die neuralgische Schulteramyotrophie gestoßen. Das dort beschriebene Schmerzbild und die anomale Anhebung des Schulterblattes bei einigen Bewegungen waren für mich zutreffend. Ich stelle mein Schulterblatt-Problem dem Hausarzt vor, der das nicht einordnen kann und eine Blockade vermutet. Ich bin damit nicht zufrieden und gehe am nächsten Tag zur Neurologin. Diese sagt dann auch nach Inaugenscheinnahme direkt ohne weiteren Hinweis von mir, dass dies höchstwahrscheinlich eine neuralgische Schulteramyotrophie ist. Sie schickt mich aber zur Ausschluss-Diagnostik ins Uni-Klinikum zur Neurologie, die schlussendlich nach EEG, EMG und einer Liquorpunktion die Diagnose weitgehend bestätigen (parainfektiöse Neuritis des Nervus thoracicus longus rechts).

Endlich weiß ich am 12. März definitiv, was mich so schmerzhaft gequält hat. Der Muskel serratus anterior rechts wurde durch die Entzündung des Nervus thoracicus longus rechts geschädigt und teilweise gelähmt. Daher kann der Muskel mein Schulterblatt nicht mehr gut am Brustkorb halten. Dies sollte sich aber in den nächsten sechs bis neun Monaten wieder bessern und nach Aussage des Arztes auch wieder komplett ausheilen. Ich gehe begleitend zur Physiotherapie und hoffe nun das Beste. Aber auch wenn diese Einschränkung bleibt, so kann ich meinen Beruf (Bürotätigkeit) weiter ausüben und damit schmerzfrei leben.

Der Name der Betroffenen ist der Redaktion bekannt, diese möchte aber anonym bleiben.

Kommentar der Redaktion: Die meisten akuten Hepatitis-E-Infektionen heilen unbemerkt oder nur mit wenigen Symptomen wieder von selbst aus. Es sind jedoch Fälle einer neuralgischen Schulteramytrophie durch Hepatitis E bekannt, welche, wie in diesem Bericht beschrieben, mit Lähmungserscheinungen sowie erheblichen Schmerzen einhergehen kann (vgl. englischsprachige EASL-Leitlinie zur Hepatitis E von 2018).

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