1. Februar

Erfahrungsbericht Hepatitis C

Im Zuge einer Routineuntersuchung wurden 1993 bei mir erhöhte Leber-Transaminasen festgestellt. Eine eingehendere Untersuchung führte zu der Diagnose einer ausgeheilten Hepatitis B und einer chronisch aggressiven Hepatitis C (Genotyp I). Die Infektion war mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Zahnbehandlung zurückzuführen.

Der behandelnde Professor äußerte sich mir gegenüber, nach aktuellem Stand der Wissenschaft müsse ich mich auf eine Lebenserwartung von noch knapp 20 Jahren einstellen, voraussichtlich würde ich nicht älter als 55. In den folgenden Jahren wurden meine Leberwerte regelmäßig kontrolliert; es wurden ergänzend mehrere Biopsien durchgeführt.

Insgesamt wurden im Lauf der Jahre vier Interferon-Behandlungen durchgeführt: Die 1996 eingeleitete erste Therapie mit dreimal wöchentlich 6 Mio. Einheiten Inferferon alpha-2a und der Gabe von Ursofalk-Kapseln wurde nach drei Monaten abgebrochen, nachdem sich die Transaminasen nach anfänglichem Rückgang wieder erhöht hatten. Abgesehen von häufig auftretender Antriebsarmut und ständiger Müdigkeit wurde die Therapie von mir relativ gut verkraftet.

1997 wurde dann eine weitere Therapie mit dreimal wöchentlich 3 Mio. Einheiten Interferon alpha-2b und Ribavirin unter Zugabe von Paracetamol durchgeführt. Schon nach kurzer Zeit litt ich unter starker Müdigkeit und Schlafstörungen; ich war deutlich reizbarer. Nach fünf Monaten war auch meine allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt. Nachdem die Viruslast nach etwa drei Monaten stark reduziert war, stieg sie danach wieder auf den Ausgangswert von ca. 1 Mio. Einheiten an. Die Therapie wurde schließlich nach sieben Monaten abgebrochen.

Von Juli bis November 2002 wurde ein dritter Therapieversuch, jetzt mit pegyliertem Interferon unter Zugabe von Ribavirin und Silymarin, durchgeführt.

Neben einem zunehmendem Konditionsabbau machten mir Juckreiz und Quaddelbildung an den Einstichstellen der Injektionsnadeln sehr zu schaffen. Nachdem die Virenlast zeitweise unter der Nachweisgrenze gelegen hatte, stieg sie vor Abbruch der Therapie auf über 7 Mio. Einheiten an.

Von Februar 2004 bis Januar 2005 wurde schließlich über einen Zeitraum von 48 Wochen ein vierter Therapieversuch durchgeführt. Zum Einsatz kam Consensus-Interferon mit Ribavirin und Amantadin unter Zugabe von Paracetamol und Seroxat, Letzteres zur Dämpfung von möglichen Nebenwirkungen des Interferons.

Bereits Anfang März 2004 waren bei mir keine Hepatitis-C-Viren mehr nachweisbar.

Die Therapie erwies sich als äußerst belastend. Die ersten beiden Wochen litt ich unter Schwindel, Kopfschmerzen und Benommenheit. Danach stellten sich Schüttelfrost, Glieder- und Muskelschmerzen ein. Der Geschmackssinn war beeinträchtigt. Es stellte sich ein permanenter Juckreiz ein; es kam zu einer starken Pustelbildung an den Einstichstellen der Injektionsnadeln. Mich plagten permanente Schlafstörungen. Die körperliche Leistungsfähigkeit nahm während des Therapieverlaufs sukzessive ab. Schon nach wenigen Monaten verbrachte ich jede freie Minute, einschließlich der kompletten Wochenenden, quasi in einem permanenten Dämmerzustand im Bett. Von Beginn der Therapie an war jegliche sexuelle Aktivität unmöglich.

Im Juni 2004 wurde eine erste Bluttransfusion wegen der aufgetretenen Anämie durchgeführt. Zwei weitere Transfusionen folgten im Lauf des Jahres. Gegen Ende des Jahres kam es in den Oberschenkeln beider Beine zu stark schmerzenden Entzündungen, die das Gehen und insbesondere das Treppensteigen sehr erschwerten. Im November und Dezember konnte ich schließlich meinen Beruf nur noch sehr eingeschränkt ausüben.

Nach Beendigung der Therapie Anfang 2005 normalisierten sich im Laufe der nächsten beiden Monate praktisch wieder alle Körperfunktionen. Ich fühlte mich wie neu geboren. Die Transaminasenwerte gingen nach Therapieende relativ schnell zurück, aber erst eineinhalb Jahre später wurden praktisch wieder Normalwerte erreicht. Hepatitis-C-Viren sind bis heute nicht mehr nachweisbar. Ich gelte als geheilt.

Rückblickend betrachtet, hat die Diagnose Hepatitis C mein Leben über Jahre geprägt. Manche Entscheidung wurde durch die Krankheit und deren mögliche Entwicklung beeinflusst. Auf Grund der in den 1990er Jahren noch beschränkten Therapiemöglichkeiten hatte ich mich von Anfang an auf ein „Langstreckenrennen” eingestellt.
Ich wollte jede sich bietende Möglichkeit zur Überwindung der Krankheit nutzen. Beim vierten, dem mit Abstand mühsamsten Versuch, ist es mir endlich gelungen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich in diesem Zusammenhang die behandelnden Ärzte, die sich im Lauf der Jahre immer wieder mit mir auf neue Therapieversuche eingelassen haben und das Pflegepersonal, das mir regelmäßig Mut zugesprochen hat. Dank gebührt vor allem aber meiner Frau.
Nur auf Grund ihrer tatkräftigen Hilfe und ihrem unermüdlichen Beistand war die letzte Therapie überhaupt durchführbar.

Ich hoffe und wünsche, dass dieser Beitrag allen Patienten Mut macht, die Hoffnung auf Heilung nicht aufzugeben und ihnen dabei hilft, auch härteste Therapiephasen durchzustehen.

W. N.

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