1. Februar

Bewältigung ist immer individuell: Tipps und Tricks für die Zeit der Triple-Therapie

Als alter „Interferon-Veteran“ fand ich die vielen Selbsterfahrungsberichte in den verschiedenen HepatitisForen zwar berechtigt, aber kaum einer war darunter, der Anregung zur besseren Bewältigung der Nebenwirkungen und Einschränkungen beschrieb.

Da während der Therapie die Nebenwirkungen unvermeidbar in unterschiedlicher Ausprägung dazu gehören, hilft es nur wenig bis gar nicht, den eigenen Fokus zu oft darauf zu richten. Nebenwirkungen sind einfach Mist! Aber manchmal können sie in den Hintergrund gesetzt werden und man kann Phasen von Normalität und sogar Lebensfreude genießen. Je weniger krankheitszentriert der eigene Blickwinkel angewandt wird, desto öfter sind bessere Zustände wahrscheinlich. Also, ich gucke nicht danach, was nicht geht, sondern nach dem, was trotzdem geht. Ich nenne das „In Bewegung bleiben“. Dazu gehört tatsächlich ein gewisses Maß an körperlicher Bewegung, auch wenn dabei manchmal nur ein Schneckentempo machbar ist. Raus aus der Wohnung, dem Haus oder der Bude bringt zunächst den Effekt eines Tapetenwechsels. Und der erzeugt in der Regel eine kleine psychische Aufhellung. In der Trägheit zu verweilen würde mir keine Besserung bringen. Ich verbringe daher täglich bis zu zwei Stunden spazierenderweise. Bewegung im öffentlichen Raum kann zu dem Kommunikation mit anderen Menschen erzeugen. Ein kleiner Plausch über irgendetwas wirkt oft einem psychischen Tief entgegen. Jeder, auch der Normalo, kennt die abendliche Müdigkeit und die Versuchung, auf dem Sofa sitzen zu bleiben. Wenn die Finanzlage es erlaubt, sind Ausgehtermine als Seelenbalsam zwingend erforderlich. Meine Anlaufstellen sind zum Beispiel Bibliotheken, Kino, Theater und mitunter auch ein Zoo. Ist eine kleine Reise möglich, verschwinden die Nebenwirkungen vorübergehend fast vollständig, weil das zu Entdeckende stärker wiegt.

Der nächste Trick meint den Mut zur Schrulligkeit. Damit meine ich Dinge zu tun, die für einen selbst neu sind. Dazu braucht es etwas Leidenschaft. Vielleicht genau die Leidenschaft, die der komische Schmetterlingsfänger aus dem Film zeigt, wenn ein bunter Falter in seinem Netzt fest sitzt und er darüber in den Freudentaumel gerät. Ich selbst bin trotz meiner Mattigkeit als Erzähler auf die Bühne gegangen und bestritt in etwas schlechterer Qualität einen Abend. Ich muss ja unter der Therapie nicht so gut wie sonst sein. Arbeiten, wenn das für einige Stunden geht hilft das absolut. Arbeit bedeutet Verlassen der Krankenrolle. Wieder normal alltagsfähig zu sein. Wichtig hierbei ist, zu den eigenen Grenzen stehen zu können. Ich habe das Glück, es immer sagen zu können, wenn ich einen Rückzug brauche.
Damit wäre ich auch schon bei einer weiteren Anregung angelangt. Wie ist mit der gesteigerten Sentimentalität, Melancholie und Depression umzugehen? Einige werden plötzlich bemerken, wie ihr Gefühlsleben völlig andere Zustände erzeugt. Ich sitze vor dem Fernseher, sehe die traurige Witwe und heule leicht mit. Das wäre früher nie zum Anlass einer solchen Aufwallung geworden. Jetzt ist es aber so. Na und, sage ich, dann bin ich jetzt eben vorübergehend sentimental. Andere heulen und schluchzen im Kino auch. Schlimmer ist die Überflutung mit Wut aus nichtigen Gründen heraus und dem sekundenlangen Aussetzen der verstandlichen Kontrolle darüber. Inzwischen kenne ich diesen kleinen „Kontrollverlust“ und steure ihn, indem ich meine Mitmenschen wissen lasse, jetzt gerade nicht konfliktfähig zu sein. Das klappt ganz gut. Die Chemie verändert einfach emotionale Zustände und da hilft es sich nicht vom eigenen Anspruch ein freundlicher Zeitgenosse sein zu wollen, treiben zu lassen. Unter Interferon sollte die Fähigkeit wachsen, mit sich selbst nachsichtiger umzugehen. Anderseits ist eine egozentrische Fixierung auf die Nebenwirkungen sozial nur wenig konstruktiv. Die Anderen um mich herum müssen ja auch ihren Alltag bewältigen und der ist keineswegs unbedingt leicht.
Mir hilft es, offen zu bleiben für den Blick auf die Anderen. Und da gibt es genug zu sehen. Hier in meiner Umgebung leben einige der arbeitslos gewordenen SchleckerFrauen, die OpelBelegschaft bangt wieder und andere Menschen können auch krank werden. Wenn ich nun zu einem Fazit über Bewältigungshilfen komme, da sind nachfolgende Aspekte nützlich:

1.    In Bewegung bleiben
2.    Mit Leidenschaft interessante Dinge tun.
3.    Einige Stunden Arbeit wahrnehmen (wenn es geht)
4.    Selbstakzeptanz für die sich verändernde Gefühlslage aufbauen
5.    Freundschaften weiter pflegen (Nicht warten, bis jemand kommt!)

Bleibt noch zu fragen, welche Bewältigungsstrategien andere „Interferonis“ entwickeln. Schön wären hier mutige Beiträge zugunsten des Wohlbefindens!

Jürgen Bosbach

© Deutsche Leberhilfe e.V. Impressum Datenschutz Kontakt
Folge uns Icon facebook Icon twitter