1. Februar

So viel Fett habe ich doch gar nicht gegessen…

„63 U/l – für Ihr Alter etwas hoch…“, murmelte der Laborarzt vor sich hin. „Was meinen Sie genau, Herr Doktor?“, wollte ich von ihm wissen. Denn wofür man mir eigentlich so viele Röhrchen an Blut abgenommen hatte, hatte ich noch nicht erfahren. „Na ja, das ist Ihre erste Untersuchung des Serums, da macht man schon etwas mehr als gewöhnlich“, klärte er mich auf. „Aber sagen Sie einmal…“, holte der Mann im weißen Kittel tief Luft, „Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber trinken Sie viel Alkohol?“. „Ich?“, reagierte ich energisch, „Ich sicher nicht, meine Klassenkollegen vielleicht, die sind mit 17 schon gern mal betrunken. Ich habe jedoch bislang keinen einzigen Tropfen angerührt. Ich mag kein Bier, keinen Schnaps“. „Nun ja, lassen Sie uns das Gamma-GT einfach beobachten“, schloss er seine Akte. Ich wollte aber gleichsam von ihm noch wissen, was es denn mit diesem Wert auf sich hatte: „Die Leber“, meinte er. „Normalerweise dürfte die mit 16 Jahren noch kein Thema sein, deshalb schauen wir da künftig genauer drauf“.

Zur routinemäßigen Kontrolle bei der Einnahme von Psychopharmaka gehört auch die kontinuierliche Bestimmung der „Leberwerte“, so hörte ich es in den Folgejahren immer wieder. Und tatsächlich schien das auch nötig: Denn aus der offenkundigen „Prädisposition“ für erhöhte Spiegel wurde rasch die Besorgnis, dass nicht nur das „Gamma-GT“ einen klaren Trend eingeschlagen hatte. Bereits mit über 20 Jahren waren alle drei gängigen Parameter (GGT, GOT und GPT) ständig außerhalb des Normalbereichs zu finden. „Allein an Ihren Antidepressiva kann das nicht liegen“, meinte schließlich ein Internist, der daraufhin veranlasste, ein Ultraschall des Abdomen durchzuführen. Ja, die Medikamente hatten mich aufgehen lassen wie einen Hefekloß. Man hatte gerungen mit den Nebenwirkungen und abgewogen, ob der seelische Zustand oder die doch erheblichen Konsequenzen für den Organismus aus der Tabletten-Einnahme schwerer anzusehen waren.

„Sie haben eine Fettleber“, war das Urteil nach der Sonografie. Das sei zunächst einmal nicht ungewöhnlich bei der Krankengeschichte, ließ man mich wissen. Schließlich war ich zwischenzeitlich endokrinologisch und neurologisch zusätzlich schwer heimgesucht worden, alles keine Wohltat für ein Organ wie die Leber. „Mich irritieren nur die Ausmaße“, waren bei einer Wiedervorstellung dann die Worte des Hepatologen. „Merken Sie denn gar nichts?“, fragte er mich einigermaßen verwundert, als er aufstand: „Sie müssen sich einmal vorstellen, wie das ist, wenn so eine Leber auf das Doppelte ihrer ursprünglichen Größe angewachsen ist!“. Ja, doch, mittlerweile hatte ich erste Beschwerden. Sie waren aber zaghaft und im Hintergrund geblieben. Ein Zwicken und ein Drücken im rechten Oberbauch. Und Übelkeit ab und zu.

Zwei Jahre später wurde es dann ernster: Wiederkehrende Brechattacken, Durchfall und Übelkeit kündigten an, dass die Leber zu rebellieren begann. Der Gastroenterologe kam zur Erkenntnis: „Das ist keine Steatosis hepatis mehr, da sind wir schon weiter“. Verständlich war das für mich nicht mehr: „So viel Fett habe ich doch gar nicht gegessen!“, wollte ich mich noch verteidigen. „Aber Sie müssen sich doch gar nicht rechtfertigen. Sie können hier gar nichts dafür. Ihre Hepatomegalie dürfte unterschiedliche Ursachen haben. Ja, die Leber wächst nun einmal wirklich mit ihren Aufgaben. Und das leider zumeist unbemerkt.

Medikamente, Adipositas, Stoffwechselerkrankungen – aber auch das dürften bei Ihren mittlerweile 300 U/l nicht mehr die alleinigen Gründe sein!“, war der mittlerweile sichtlich herausgeforderte Arzt sich sicher. Aber warum hatte sich die Leber nun derart vergrößert, dass sie kaum noch vermessen werden konnte? Und warum juckte mich mittlerweile mein ganzer Körper?

Auch Appetitlosigkeit und ein ständiges Unwohlsein, Abgeschlagenheit und ein Ekelgefühl gegenüber verschiedenen Lebensmitteln – all das hätte ich nicht zuordnen können, wäre ich nicht glücklicherweise frühzeitig in fachkundige Hände geraten, die nun daran arbeiteten, meine mittlerweile zur Fibrose im Stadium F3 fortgeschrittene Hepatopathie zu behandeln. Dank modernster Technik konnte der Zustand der Leber gut eingegrenzt, eine Biopsie in Aussicht gestellt werden. Und Vieles deutet momentan auf eine genetische Speichererkrankung hin, die zu den Altlasten der Pharmakotherapie diverse Abbauprodukte des Fettstoffwechsels in diesem eigentlich so robust wirkenden Organ zurückzulassen vermag, ohne Rücksicht auf Verluste nehmen zu wollen. A propos „Verlust“: Vor einer beginnenden Zirrhose soll Schluss sein mit der Diagnostik – und die Ursache gefunden werden, so einigten wir uns. Und im nächsten Leben weiß ich: Schau öfter mal auf deine Leber, sie leidet nämlich still…

Dennis Riehle
Selbsthilfe Hormonelle und Stoffwechselerkrankungen
www.dennis-riehle.de
mail@hormone-stoffwechsel.de

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