16. Mai

Hepatitis-Fälle bei Kindern: Was derzeit bekannt ist

Update am 16.05.2022: Das europäische Referenznetzwerk ERN-RARE LIVER veröffentlichte heute eine Stellungnahme in englischer Sprache. Diese kommt vorerst zu einem beruhigenderen Ergebnis, wobei einige Fragen weiterhin offen bleiben. Das ERN-RARE LIVER führte eine Umfrage bei 34 Leberzentren für Kinder in 22 EU-Ländern durch. Hier wurde bislang keine alarmierende Häufung schwerer Hepatitis-Erkrankungen bei Kindern gesehen, wie sie in Großbritannien und anderen Ländern beobachtet wurde. Auch der Anteil von Infektionen mit Adenoviren war demnach bei Fällen von akutem Leberversagen nicht häufiger als bisher. Dr. Dominic Lenz der Universität Heidelberg erklärte, dass die bisherigen Ergebnisse zwar beruhigend wirkten, die weitere Entwicklung aber beobachtet werden müsse. Prof. Dr. Ansgar Lohse des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf kommentierte, dass man schon in der Vergangenheit in seltenen Fällen gesehen habe, dass Adenoviren in bestimmten Konstellationen zu schweren Leberentzündungen führen können. Dass die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie und Isolation der Kinder dazu geführt haben könnten, dass die Infektabwehr gegen gängige Viren herabgesetzt sei, sei grundsätzlich plausibel. Allerdings gebe es derzeit keinen wissenschaftlichen Beweis, dass sich ein neuer und gefährlicher Hepatitiserreger verbreite.

Wir behalten die Lage weiterhin im Blick und werden Sie informieren.


 

Köln, 12.05.2022. Seit April diesen Jahres wurde weltweit eine Häufung von rätselhaften Hepatitisfällen bei Kindern beobachtet. Wie Dr. Philippa Easterbrook der WHO am 10. Mai 2022 auf einer Pressekonferenz berichtete, werden bislang 348 Fälle von der WHO als wahrscheinlich eingestuft. 70 weitere Verdachtsfälle werden aktuell untersucht. Einige der betroffenen Kinder mussten lebertransplantiert werden. Über bisher fünf Todesfälle in den USA, drei Todesfälle in Indonesien und einen weiteren Todesfall im Gaza wurde berichtet.

Über die Ursachen dieser z.T. schweren Krankheitsfälle liegen momentan noch keine Informationen vor. Wir hoffen, dass sich dies durch künftige Erkenntnisse in den kommenden Wochen und Monaten ändert.

Was wir bereits wissen, was es NICHT ist:

  • Es ist keine Infektion mit den bekannten Hepatitisviren A bis E. Diese wurden durch Laboruntersuchungen ausgeschlossen.
  • Es ist kein Impfschaden durch neue COVID-19-Impfstoffe, da die große Mehrzahl der betroffenen Kinder nicht geimpft war.

Mehrere Faktoren werden derzeit diskutiert, wie z.B. Infektionen mit Adenoviren, die normalerweise nur zu Erkältungssymptomen oder Übelkeit führen, aber in diesem Fall möglicherweise ungewöhnlich schwer verlaufen. Bei 70% der betroffenen Kinder wurden Adenovirus-Infektionen festgestellt. Vorherrschend war dabei das Adenovirus Typ 41, welches bislang eher für milde Magen-Darm-Infektionen bekannt ist. Dass Adenoviren überhaupt zu Hepatitisfällen führen, ist eher ungewöhnlich und wurde bislang nur bei Menschen mit Immunsuppression gesehen. Ob das Immunsystem der Kinder aufgrund der Lockdowns in der Pandemie generell ungeübter ist und daher nun infektanfälliger sein könnte, ist eine Hypothese. Eindeutige Hinweise für Adenoviren als Ursache liegen bislang noch nicht vor, wie Dr. Easterbrook erklärte: „Wenn man sich die Gewebeproben aus Leberbiopsien anschaut, zeigt keine davon die typischen Anzeichen, die man bei einer Leberinfektion mit Adenoviren erwarten würde.“ Allerdings würden weitere Untersuchungen von Leberbiopsien erwartet, so Dr. Easterbrook. Ernsthaft diskutiert wird auch die Frage, ob gleichzeitige oder vergangene Infektionen mit SARS-CoV-2 am Krankheitsgeschehen beteiligt sein könnten.

Ebenso wenig ist auszuschließen, dass die Hepatitisfälle auf eine oder mehrere andere, derzeit noch nicht bekannte Ursachen zurückgehen. Ein anderer, noch unbekannter Erreger ist ebenso denkbar wie toxische oder immunologische Faktoren, möglicherweise auch ein Zusammenspiel mehrerer Ursachen.

Ihre Deutsche Leberhilfe e.V.

 

Quellen:
ZDF: WHO untersucht Hepatitis-Fälle bei Kindern. 11.05.2022 04:13 Uhr https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/hepatitis-kinder-who-ursachenforschung-100.html
Euronews. Luke Hurst: Unexplained hepatitis cases rise to 348 worldwide as WHO looks into role of COVID. Aktualisiert am 11.05.2022. https://www.euronews.com/next/2022/05/11/unexplained-hepatitis-cases-rise-to-348-worldwide-as-who-looks-into-role-of-covid
ERN RARE LIVER: Acute liver inflammation (hepatitis) of unknown origin in children: Cross-survey of the European Reference Network ERN RARE-LIVER. 16. Mai 2022.
https://rare-liver.eu/news/detail/acute-liver-inflammation-hepatitis-of-unknown-origin-in-children-cross-survey-of-the-european-reference-network-ern-rare-liver

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